Zürich und die Region der Zürcher Seen waren Ende des 19. und anfangs des 20. Jahrhunderts die Hochburg des europäischen Bootsbaus. Neben Escher Wyss & Cie. bauten unzählige Werften rund um die hiesigen Seen Boote aller Art. Einige Werften mit klingenden Namen wie z.B. Boesch, Faul, Pedrazzini, Suter & Portier bestehen heute noch.
Auf dem Areal beim heutigen Schiffbau in Zürich baute Escher Wyss insgesamt 299 Raddampfer, zuletzt das 1914 fertiggestellte Dampfschiff Lötschberg. Nach der Raddampferära bauten Escher Wyss und Sulzer die erste Generation der Dieselmotorschiffe für die Schweiz, das erste geschweisste Motorschiff und die erste hydraulische Verstellpropelleranlage. Mit den beliebten Landischiffen und mit MS Thun fand der Schiffbau vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges sein vorläufiges Ende. Nach dem Krieg eroberte Escher Wyss mit Dampfturbinen und verstellbaren Schiffsschrauben, Sulzer mit Dieselmotoren die Weltmeere.
Die Gründung der Escher Wyss & Cie. von 1805 am Neumühlequai an der Limmat darf man heute ohne Weiteres als Urknall der Schweizer Industriegeschichte verstehen. Escher Wyss begründete das Zeitalter des modernen Maschinenbaus in der Schweiz. Die Transformation des handwerklichen Schaffens in industrielle Prozesse musste damals weitgehend autodidaktisch vorangetrieben werden. Universität und Polytechnikum gab es noch nicht. Vom Wasserrad als Antrieb von Mühlen am Wasser über die mechanische Transmission der Kräfte von Wasserrädern und Turbinen in die Werkshallen bis hin zur Nutzbarmachung der gewaltigen Energien der Niagarafälle mittels Turbinen von Escher Wyss im Jahr 1905: Diese Entwicklung beanspruchte somit gerade einmal 100 Jahre. Von Zürich aus erfasste die industrielle Revolution das ganze Land. Der Schiffbau war ein Teil davon und umfasste Wasserräder, Turbinen, Dampfmaschinen, Schaufelräder und Verstellpropeller. Davon zeugt heute noch eine einzigartige Flotte von Schiffen. Auf sämtlichen Seen der Alpenländer blieben die Schiffe von Escher Wyss und später auch von Sulzer bis zum Zweiten Weltkrieg konkurrenzlos.
Escher Wyss baute 1891 als erstes Unternehmen weltweit Boote aus Aluminium. Die Boote wurden ein grosser Erfolg: Alles, was Rang und Namen hatte, bestellte ein luxuriös ausgestattetes Boot aus dem leichten Material. Damit war die Firma eine wichtige Mitbegründerin des aufkommenden Yachtsports und beförderte den damals ohnehin schon hochentwickelten Bootsbau am Zürichsee zusätzlich. Der Kraftwerkbau z.B. an den Niagarafällen verschaffte Escher Wyss Kontakte zur Yachtbau-Szene in den USA.
Die Entwicklung war nicht zufällig: Schiffbau und Schifffahrt am Zürichsee waren bereits in der vorindustriellen Zeit von herausragender Bedeutung. Seit dem 16. Jahrhundert nutzten Zürcher Schiffsleute ihre Schifffahrtsrechte von der Limmat über die Aare zum Rhein bis Köln und darüber hinaus bis in die Niederlande rege. An der Linth gebaute Einwegschiffe, die am Bestimmungsort in dort sehr gefragte Nadelholzbohlen zerlegt wurden, transportierten Güter und Personen stromabwärts. Bei gutem Wasserstand erreichten die 15 bis 18 Meter langen Schiffe mit bis zu 15 Tonnen Ladung Köln in vier Tagen.
Neben den Güterschiffen für die Fahrt zum Meer hatte auch die Personenschifffahrt auf dem Zürichsee schon früh eine für die Schweiz einmalige Bedeutung. Es ist belegt, dass bereits im ausgehenden Mittelalter gewerbliche Personenschifffahrt betrieben wurde. Vor allem die Pilgerströme nach Einsiedeln brachten den Gasthöfen und Fährbetrieben ein sicheres Einkommen und führten zum Bau von leichten Schiffen mit einem Mittelkiel, die mit vier Ruderknechten bis zu 30 Personen übersetzen konnten. Man darf den Zürichsee zu Recht als Wiege der Schweizer Personenschifffahrt bezeichnen. Diese lange Tradition führte offenbar dazu, dass die Uferbewohner*innen den See nicht als trennend wahrnahmen, sondern als verbindend, weil der Kontakt dank der Schifffahrt gewährleistet war. Ein wunderbares Beispiel für diese Verbundenheit sind die ehemaligen Bierschiffe Gambrinus und Gambrina der Brauerei Wädenswil, mit denen das vorzügliche Bier bis weit ins 20. Jahrhundert hinein in die Ortschaften rund um den See ausgeliefert wurde.
Diese Tradition ist auch dafür verantwortlich, dass es im Vergleich zu anderen Seen schon früh viele Bootsbaubetriebe gab. Um 1900 kam der private Bootssport bei den erfolgreichen Besitzern von Spinnereien, (Seiden-)Webereien und Industriebetrieben in Mode. Einige Bootsbauer richteten sich auf diese neue Klientel aus und wurden erfolgreiche Yachtwerften, wie z.B. Suter & Portier in Meilen, Faul in Horgen, Treichler und Meierhofer in Zürich. Zwei bekannte Werften bauen noch immer edle Holzboote für Kundschaft aus nah und fern: Boesch in Kilchberg und Pedrazzini in Bäch. Alle Werften an Zürcher Seen liessen sich damals dank der Kontakte von Escher Wyss vorwiegend durch die amerikanischen «pleasure craft» inspirieren.