Das Salonboot TUGENIA wurde 1904 während der Belle Époque in der Werft von Johannes Faul in Zürich-Wollishofen gebaut. Es handelt sich um ein von Beginn an elektrisch angetriebenes Vergnügungsboot, das als ältestes noch erhaltenes Salonboot auf dem Zürichsee gilt und zu den letzten bekannten Vertretern dieser Bootsgattung um die Jahrhundertwende zählt.
Die Belle Époque umfasst die Zeit zwischen etwa 1870 und 1914 und erreichte ihre kulturelle und wirtschaftliche Hochphase in den Jahren 1895 bis 1914. Rückblickend wird diese Epoche als Phase relativen innereuropäischen Friedens, wirtschaftlichen Aufschwungs und gesellschaftlichen Wandels wahrgenommen. Technologische Innovationen sowie kulturelle und wissenschaftliche Fortschritte prägten das Lebensgefühl dieser Zeit nachhaltig.
Insbesondere das mittlere und gehobene Bürgertum profitierte vom zunehmenden Wohlstand und entwickelte neue Formen eines komfortablen, repräsentativen Lebensstils. Freizeit und gesellschaftliche Vergnügungen gewannen an Bedeutung; kulturelle Angebote, sportliche Aktivitäten und private Erholung traten stärker in den Vordergrund.
Vor diesem Hintergrund etablierte sich auch der Vergnügungsbootsbau für den privaten Gebrauch. Neben traditionellen Ruderbooten kamen erstmals motorisierte Boote zum Einsatz, die Ausflüge und entspannte Fahrten auf dem Wasser ermöglichten. Während mit Naphta-Dampfmotoren ausgestattete Boote vor allem für kürzere Rundfahrten genutzt wurden, erfreuten sich elektrisch angetriebene Boote besonderer Beliebtheit. Sie verbanden technischen Fortschritt mit leisem Betrieb und wurden sowohl für Freizeitfahrten als auch für die Fischerei und die Jagd auf dem Wasser eingesetzt.
Der Bau der TUGENIA fällt in eine Phase tiefgreifender technischer Umbrüche, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit der sogenannten zweiten industriellen Revolution einsetzten. Fortschritte in der Elektrotechnik, im Maschinenbau und in der industriellen Fertigung eröffneten neue Möglichkeiten auch im Bootsbau.
Insbesondere der elektrische Antrieb galt um die Jahrhundertwende als moderne, saubere und komfortable Alternative zu Dampf- und frühen Verbrennungsmotoren. Elektrisch betriebene Boote zeichneten sich durch einen leisen Lauf, geringe Erschütterungen und eine einfache Handhabung aus und waren daher für den Einsatz auf Seen besonders geeignet.
Mit ihrem elektrischen Antrieb steht die TUGENIA exemplarisch für diese frühe Phase der Elektromobilität auf dem Wasser und dokumentiert den Versuch, technischen Fortschritt mit Komfort und Repräsentation zu verbinden.
Gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich der Bootsbau am Zürichsee zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig. Der wachsende Wohlstand, der aufkommende Freizeitgedanke und der technische Fortschritt führten zu einer steigenden Nachfrage nach privaten Vergnügungsbooten.
Zahlreiche Werften spezialisierten sich auf den Bau hochwertiger Ruder- und Motorboote und kombinierten handwerkliche Präzision mit neuen konstruktiven und technischen Lösungen. Neben funktionalen Aspekten gewannen Komfort, Eleganz und repräsentative Gestaltung zunehmend an Bedeutung. Der Zürcher Bootsbau genoss bald auch überregional Anerkennung und belieferte eine anspruchsvolle, teils internationale Kundschaft.
In diesem Umfeld entstand auch die TUGENIA als qualitätvolles Salonboot ihrer Zeit und als Ausdruck der hohen bootsbaulichen Kompetenz, die den Zürichsee um die Jahrhundertwende prägte.
Die Werft von Johannes Faul gehörte um die Jahrhundertwende zu den prägenden Bootsbaubetrieben am Zürichsee. Sie zeichnete sich durch eine hohe handwerkliche Qualität, innovative Konstruktionen und eine klare Orientierung an internationalen Vorbildern, insbesondere aus den USA, aus.
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wuchs die Werft kontinuierlich und belieferte eine anspruchsvolle, teils internationale Kundschaft. Die von ihr gebauten Boote verbanden technische Fortschrittlichkeit mit hochwertigem Ausbau und repräsentativer Gestaltung. Die Yachtwerft Faul AG in Horgen besteht heute noch und wird in 4. Generation als Familienbetrieb geführt.
Die TUGENIA zählt zu den frühen Arbeiten von Johannes Faul und steht exemplarisch für den hohen bootsbaulichen Anspruch, der die Werft nachhaltig prägte.
Über die ursprüngliche Bauherrschaft sowie die frühe Besitzgeschichte der TUGENIA liegen keine gesicherten Erkenntnisse vor. Belegt ist hingegen, dass sich das Boot 1968 im Besitz von Max Baumann aus Luzern befand und in der Werft der St. Niklausen Schiffgesellschaft Genossenschaft (S.N.G.) am Vierwaldstättersee eingestellt war. Im selben Jahr wurde die TUGENIA an Rudolf Helmlin, den Besitzer und Betreiber des Hotels Schiff in Luzern, verkauft. Helmlin übernahm den Bootsplatz der S.N.G. und nutzte das Boot als hoteleigenes Taxischiff.
Bis 2005 blieb die TUGENIA im Besitz der Familie Helmlin. In diesem Jahr erfolgte der Verkauf an die Taxiboot Zürich AG, welche das Boot erneut mit einem Elektromotor ausrüstete. Nach einem späteren Betreiberwechsel wurde die TUGENIA weiterveräussert und ab 2021 als konzessioniertes Taxiboot im Zürcher Seebecken betrieben, mit städtischem Liegeplatz in Zürich-Riesbach.
2023 ging die TUGENIA schliesslich mit grosszügiger Unterstützung des zürcher Hotels Baur au Lac in den Besitz der Stiftung Historische Zürichsee Boote (HZB) über. Seither wird sie von der Stiftung als Taxiboot weiterbetrieben; die Personenbeförderungszulassung sowie der Liegeplatz im Hafen Zürich-Riesbach blieben erhalten.
Quelle: Bootsbauhistorisches Gutachten, Salonboot TUGENIA 1904; Februar 2025; Emmanuelle Urban, Denkmalpflegerin und Mitglied des Stiftungsrates HZB