Von Emmanuelle Urban, Denkmalpflegerin, Mitglied des Stiftungsrates HZB, im Februar 2025
Die Tugenia wurde 1904 zur Zeit der Belle Époque in der Werft von Johannes Faul in Zürich-Wollishofen als Salonboot mit Elektromotor gebaut. Sie ist vermutlich das älteste noch erhaltene Salonboot auf dem Zürichsee und eine letzte Vertreterin der Vergnügungsboote mit Elektroantrieb der Jahrhundertwende.
In wessen Auftrag die Tugenia gebaut wurde, ist ungeklärt, ebenso ungeklärt ist ihre frühe Besitzergeschichte.
Belegt ist, dass die Tugenia sich 1968 im Besitz von Herrn Max Baumann in Luzern befand und sie in der Werft der St. Niklausen Schiffgesellschaft Genossenschaft S.N.G. am Vierwaldstättersee in Luzern einen Einstell- und Bootsplatz besass.
1968 verkaufte Herr Max Baumann die Tugenia an Herrn Rudolf Helmlin, Besitzer und Betreiber des Hotels Schiffs in Luzern, der den Einstell- und Bootsplatz der S.N.G. am Vierwaldstättersee in Luzern übernahm und die Tugenia als hoteleigenes «Taxischiff» nutzte. Bis 2005 blieb die Tugenia im Besitz der Familie Helmlin in Luzern am Vierwaldstättersee.
2005 verkaufte die Familie Helmlin die Tugenia an die «Taxiboot Zürich AG», welche sie wieder mit einem Elektromotor 2005 ausrüste. Nach dem Verkauf der «Taxiboot Zürich AG» 2005, dessen neuer Betreiber die Tugenia nicht übernehmen wollte, wurde sie an einen Zürcher weiterverkauft. Dieser betrieb die Tugenia ab 2021 als «Taxiboot» mit entsprechender Zulassung im Zürcher Seebecken und städtischem Liegeplatz in Zürich-Riesbach.
2023 übernahm die Stiftung Historische Zürichsee Boote (HZB) die Tugenia inklusive der Personenbeförderungszulassung und dem Standplatz im Hafen Zürich-Riesbach. Die Tugenia wird seitdem von der Stiftung HZB als «Taxiboot» auf dem Zürichsee weiterbetrieben.
Der 10m lange und 2m breite Bootsrumpf der Tugenia weist am Bug eine ausgeprägte V-Form auf. Nach einem Drittel der Wasserlinienlänge gehen die Linien des Bootsrumpfs in ein sehr flaches Unterwasserschiff über, das zum Heck hin mit einem V-förmigen Spiegel abschliesst. Mit dieser Bootsrumpfausbildung und einem Längen-Breiten-Verhältnis von 1:5 handelt es sich nicht, wie sonst zu dieser Zeit üblich, um einen konventionellen Halbgleiter, sondern um eine erste Form des Verdränger-Typs. Diese Konstruktion war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihrer Zeit weit voraus, und sie zeugt von der innovativen und in höchster Form fachkundigen Bootsbaukunst der Yachtwerft Joh. Faul.
Die Spanten und Bodenwrangen des Bootsrumpfes sind aus Eichenholz. Für die Verkleidung des Bootsrumpfes (unterhalb der Wasserlinie) verwendete Johannes Faul Vollholz-Lärchen-Beplankungen mit innenliegender, diagonal verlegter Furnierlage. Den Kiel fertigte er in Eichenholz. Für die Bordwände (oberhalb der Wasserlinie) verarbeitete Johannes Faul Mahagoniholz in Form von Vollholz-Karweelbeplankungen mit innenliegender diagonal verlegter Furnierlage.
Das von Johannes Faul in klarlackiertem Holz gebaute Salonschiff Tugenia ist wie folgt konzipiert:
Das Vordeck ist geschlossen, der darunter liegende Hohlraum dient der Unterbringung der Bootstechnik. Das geschlossene Vordeck bauzeitlich bestehend aus klarlackierter Mahagoniholz-Beplankung, wurde nachträglich nicht originalgetreu erneuert und mit weiss gestrichenem Stoff bespannt.
Dem Vordeck schliesst sich der geschlossene Salonaufbau in klarlackierter Mahagoniholz-Konstruktion mit bogenförmigem Dach an. Dem Salonaufbau folgt zum Heck hin ein offener Launchbereich in klarlackiertem Mahagoniholz. Das Boot schliesst mit dem durch klarlackierter Mahagoniholz-Beplankung geschlossenen Achterdeck zum Heck hin ab.
Bauzeitlich wurden zu Dekorationszwecken zwischen die Mahagoniplanken des geschlossenen Vorder- und Achterdecks, ca. 4mm breite Leisten in hellem Ahorn- oder Tannenholz eingelassen. Diese hellen Holzleisten wurden beim Achterdeck nachträglich durch eine weisse Kittmasse ersetzt.
Der geschlossene Salonaufbau ist in klarlackierter Holzkonstruktion mit bogenförmigem Dach erstellt. Zur Bauzeit 1904 bestand das Dach aus einer bogenförmigen, hölzernen Sparrenlage und einer, in Weisstanne gefertigten, verschalten Untersicht. Dabei dürften die Sparren holzsichtig gewesen sein, die Dachuntersicht hell gestrichen. Nachträglich wurde in der Dachmitte über die gesamte Dachlänge ein Stofffaltdach eingebracht. Hierfür wurden die hölzernen Sparren durchgeschnitten und für den Faltmechanismus eine Metallkonstruktion eingebaut. Seitlich des Faltdachs sind die Sparren und die holzverschalte Dachuntersicht, beides weiss lackiert, erhalten.
Die beiden Seitenwände des Salonaufbau sind durch jeweils drei, symmetrisch angeordnete, längsrechteckige Fenster klar gegliedert. Die Fensterflügel mit Segmentbogenabschlüssen können dank ihres Mechanismus manuell versenkt werden. Zum Bug hin weist der Salonaufbau oberhalb der Vorderdeckkante eine dreiteilige Verglasung im Verhältnis von 1/4 – 2/4 – 1/4 auf. Das Viertel backbords ist als Türe zum Vorderdeck ausgebildet, die mittige Hälfte als Festverglasung und das Viertel steuerbords als drehflügeliges Fenster sowie als kleine Türe zum Vorderdeck. Eine doppelflügelige Rahmen-Füllungstür mit Glaseinsätzen und jeweils zwei hölzernen Füllungen im unteren Drittel öffnet sich zum offenen, heckseitigen Launchbereich.
Entlang der Seitenwände des Salons eingebaute, hölzerne Sitzbänke mit Rahmen-Füllungsfronten bieten Sitzplätze für 6-8 Personen. Durch Hochklappen der Sitzflächen lassen sich die Bänke als Stauraum nutzen. Der mobile Tisch im Salon ist jünger und stammt von einem anderen Boot. Bauzeitlich dürfte der Salon keinen Tisch besessen haben.
Der Steuerstand ist seitlich steuerbords im Salon angebracht, zum einen für einen guten Überblick beim Anlegen des Bootes, zum anderen wird somit den Passagieren eine umfassende Panoramasicht gewährleistet.
Dem Salon Richtung Heck anschliessend, befindet sich der offene Launchbereich. An den seitlichen Bordwänden und zum Heck hin eingebaute Sitzbänke mit vertikalen Holzverschalungsfronten und integriertem Stauraum bieten wiederum Platz für 6-8 Personen. Die hölzernen Bodenplanken des Salons und des offenen Launchbereichs sind mit türkisgrünem Linoleum belegt.
Die Sitzbänke im Salon der Tugenia sind mit türkisgrünen Sitz- und Rückenpolstern aus PVC versehen. Schlichte weisse Vorhängen an den seitlich verglasten Fensterfronten sowie der doppelflügeligen Türe zum Heck dienen dem Sonnenschutz.
Zur Erbauungszeit war der Salon der Tugenia wohl mit teuren Plüschsitzpolstern und Vorhängen aus feinem Stoff mit Spitzenborten ausgestattet. Auch waren die Sitzbänke im offenen Launchbereich mit Polstern versehen. Als Referenzbeispiel kann hierfür der Salon der, von der Yacht Werft J. Faul 1915 gebauten «Fortuna» herangezogen werden.
Die Tugenia war zu Beginn an mit einem Elektromotor versehen. Die Schiffskonstruktion schliesst dabei einen Naphta-Dampfmotor aus. Ebenso ist ein Verbrennungsmotor auszuschliessen. Zum einen, da zu dem Zeitpunkt der Erbauung der Tugenia 1904 die Verbrennungsmotoren noch nicht im kommerziellen Privatvergnügungsbootbau eingesetzt wurden, zum anderen weist das Vordeck nicht ausreichend Platz auf, um einen Verbrennungsmotor inklusive Treibstoffreservoir aus der damaligen Zeit unterzubringen. Somit steht fest, dass die Tugenia von Beginn an mit einem Elektromotor und den zugehörigen Accumulatoren ausgestattet war. Motor und Accumulatoren fanden ausreichend Platz im Vorderdeck. Möglicherweise bezog Johannes Faul den Elektromotor und die Accumulatoren bei der nahegelegenen Maschinenfabrik Oerlikon. Im Laufe der Zeit spätestens in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden verschiedene Verbrennungsmotoren eingebaut, zuletzt ein Chrysler Typ 6M46 6-Zylinder-Benzinmotor. 2005 wurde die Tugenia wieder auf Elektroantrieb umgerüstet.