Von Emmanuelle Urban, Denkmalpflegerin, Mitglied des Stiftungsrates HZB, im Februar 2025
Zur Zeit der Belle Époque ist im Bereich des motorisierten Vergnügungsbootsbau zwischen der kommerziellen Nutzung der Boote und der rein privaten zu unterscheiden, was sich insbesondere in der Grösse der Boote, der Personenkapazität und des Motorantriebs widerspiegelt. Die kommerziellen Boote, in der Regel grössere Boote / Schiffe für mehr als 20 Personen ausgerichtet, wurden zu der Zeit mit Dampfmaschinen angetrieben.
Hingegen konnten und wurden die privaten, kleineren Vergnügungsboote (Pleasurecrafts) mit einer Personenkapazität bis ca. 10-12 Personen ab den 1890er Jahren mittels Naphta-Motoren oder Elektromotoren mit Accumulatoren, ab 1905 auch mit Verbrennungsmotoren angetrieben. Konstruktionstechnisch waren diese Boote mit V-förmigen Rumpf als Halbgleiter ausbildet und in der Regel aus Vollholz gefertigt. Je nach Anforderungen kamen zu Beginn des privaten Motobootsbaus verschiedene Bootstypen wie das Deckboot (Deckboat), das offene Salonboot (open Launchboat), das Salonboot (Launchboat) und das Kajütenboot (Cabinboat) zum Einsatz. Ab 1907 entstehen erst in den USA, dann auch in Europa die ersten Yachten – Boote, die auch der Übernachtung dienten.
Bei einem Salonboot handelte es sich um ein Boot mit einem geschlossenen Aufbau, der einen grossen Teil des Bootes einnahm. Der geschlossene Aufbau zum Schutz vor Wasser und Wetter, beherbergte den sogenannten Salon (Wohnzimmer). Zudem bot das Salonboot, sei es vor oder hinter dem Salonaufbau, zusätzlich noch offenen, meist mit Sitzbänken ausgestatten Platz.
Um den Salon möglichst von Lärmemissionen freizuhalten, wurde der Motor (Elektromotor mit Accumulatoren oder Verbrennungsmotor) unter dem Vorderdeck eingebracht und die Bootswelle von dort aus unterhalb des Salons angeordnet.
Der in Holz gefertigte Salonaufbau war mit grossen Verglasungen ähnlich wie bei damaligen Tramwaggons gefertigt, um ein ganzheitliches Panorama zu gewährleisten. Wie auch im Hausbau zur Zeit der Belle Époque, war das Boot insbesondere aber der Salon entsprechend repräsentativ ausgestattet. Feine Tischlerarbeiten, glänzende Beschläge am Bootsbau selbst sowie die Einrichtung des Salons mit teuren Vorhangstoffen und Sitzpolstern und anderen Accessoires spiegelten den sozialen Status ihrer Besitzer wider.
Im Zuge der Belle Époque und des aufkommenden privaten Bootsvergnügen entstanden neben der grossen Firma Escher, Wyss und Cie. entlang des Zürichsee zahlreiche kleinere Werften für den privaten Bootsbau wie die von Meierhofer, Treichler, Suter & Portier, Faul, Pedrazzini, Boesch und anderen. Die im Schiffsbau richtungsweisende Firma Escher, Wyss und Cie. in Zürich, die über den Bau von Turbinen eine starke Stellung in den USA einnahmen, stand auch in Bezug auf den Schiffs- und Bootsbau im regen Austausch mit den USA. Die USA, wo der private Vergnügungsbootsbau bereits Ende des 19. Jahrhunderts eine starke Stellung genoss, aufkommend zunächst durch die sogenannten Pendlerboote, die sich anschliessend zu den ersten Pleasurecrafts weiterentwickelten, waren richtungs-weisend. Motiviert durch Escher, Wyss und Cie. und ihrer (bootsbaulichen) Verbindung zu den USA liessen sich die Bootsbauer der Region Zürichsee nicht von den europäischen Ländern wie England, Deutschland oder den Niederlanden beeinflussen, sondern liessen sich vielmehr vom Bootsbau der USA inspirieren. Mit ihren innovativen Arbeiten erreichten die Werften rund um den Zürichsee internationale Bedeutung – ihre Boote wurden weltweit u.a. zum Amazonenstrom, nach Ambonesien wie auch zu weiteren exotischen Destinationen verschifft.
Johannes Faul-Rubli (*1870 – †1945), der sich später John Faul nannte, absolvierte in Zürich seine Bootsbaulehre, arbeitete daraufhin erst in Zürich und dann in Ouchy am Genfersee. Um sich im Bootsbau weiterzubilden, verliess Johannes Anfang der 1890er Jahre die Schweiz und arbeitet erst zwei Jahre in Paris im Gross-Schiffsbau und anschliessend in London in einer Bootsbauerei für Vergnügungsboote. Zurück in Zürich gründete er 1896 in Zürich-Riesbach seine eigene Bootsbauerei.
Nach überstandener, einjähriger Krankheit musste Johannes Faul mangels ausreichenden Kapitals, seine frisch gegründete Bootsbauerei verkaufen, und er ging als Werkmeister in einen Betrieb in Kilchberg. (Treichler?)
1900 übernahm Johannes Faul einen Betrieb in Wollishofen, dessen Lage und Grösse sich für Herstellung von Wasserfahrzeugen auf dem Zürichsee eignete und gründete seine Yacht-Werft J. Faul. Diese Werft wurde später zum Standort der Zürcher Schifffahrtsgesellschaft. Seine in Wollishofen mit viel Umsicht und Präzision gebauten Boote fanden sowohl in der ganzen Schweiz als auch in Übersee grossen Anklang.
Die Yacht-Werft J. Faul florierte, so dass Johannes Faul 1914 diese nach Horgen in eine neue, fünfmal grössere Werft verlagerte. Der erste Weltkrieg (1914-1918) und das damit einhergehende Exportverbot sowie die Ausserbetriebsetzung von Motorbooten, veranlassten Johannes Faul seine Werft auf den Bau von Segelbooten umzusatteln.
Nach dem ersten Weltkrieg nahm die Werft wieder den Bau von Motorbooten auf, behielt gleichzeitig aber auch den Segelbootsbau bei. Das Angebot bei der J. Faul Yacht-Werft nach dem ersten Weltkrieg war für eine Werft in der „kleinen Schweiz“ eindrucksvoll: von Seekreuzern für Nordseefahrten über 16m lange Motoryachten und Kreuzeryachten mit 75-PS-Motoren bis hin zu Passagierbooten, Schleppbooten und vielem mehr.
In der Zwischenkriegszeit stiegen die drei Söhne von Johannes Faul, Franz, Hans und Ernst in den Familienbetrieb ein. Neue Baumethoden und Baumodelle wurden eingeführt. Gleichzeitig öffnete sich die Werft in Horgen auch der Automobilbranche, indem sie neu Autohandel betrieb, eine eigene Autowerkstatt führte und Fahrstunden anbot.
Der zweite Weltkrieg (1919-1945) erforderte, durch die erneute Ausserbetriebnahme der Freizeitmotorboote und durch den Einzug der Söhne und zahlreicher Arbeiter zum Militärdienst, neue Umstellungen in der Werft. Mittlerweile in John Faul umbenannt, setzte er erneut auf den Bau von Segelbooten. 1941 baute die Werft 49 sogenannte Piraten, Einheitsjollen mit 10m2 Segelfläche, die ersten 14 Stück für den Zürcher Yacht Club. Zum Bauprogramm gehörten ausser der Lacustre, der skandinavische 15er, die Starboote sowie die 4m R-Yachten.
Nach einem langen Herzleiden verstarb John Faul im März 1945. Nach seinem Tod übernahmen seine drei Söhne den Betrieb. Die Yachtwerft Faul AG wird heute noch als Familienbetrieb in der fünften Generation an ihren zwei Standorten in Horgen und Pfäffikon (SZ) betrieben.